Ein Buch über das Erwachsenwerden. Über das Erinnern. Über Familie. Auch über Liebe und Freundschaft. Veronica Raimo geht der Frage nach, wie sie werden konnte, was sie jetzt ist.

Die Erzählerin schildert ihr Aufwachsen inmitten einer mehr als skurrilen Familie in Rom, Ende des 20ten und Anfang des 21ten Jahrhunderts. Die Mutter ist eine frühe Vorläuferin der heutigen Helikopter-Eltern, will über jeden Schritt ihrer Tochter informiert sein und schreckt auch vor drastischen Mitteln zur Erlangung dieser Informationen nicht zurück. Da moderne, virtuelle Stalkingmethoden sich erst im Anfangsstadium ihrer Entwicklung befinden, bleibt ihr nur das Telefon. Keine Verabredung oder Party ist vor ihren Anrufen sicher, keine Situation zu privat. Schließlich muss sie ja über Wohl und Wehe ihrer Tochter informiert sein, maßt sie sich doch eh die endgültige Deutungshoheit über deren Leben an. Keine Chance auszubrechen oder auch nur sich zu entwickeln. Einmal Tochter, immer Tochter.

Der Vater zwingt der ganzen Familie sein obskures Gesundheitsprogramm auf, das Desinfektion über alles stellt und darauf beruht, sich nur von Konserven zu ernähren, die vor der Reaktorkatastrophe von Tchernobyl hergestellt wurden. Außerdem zieht er ständig neue Wände in die eh schon kleine Wohnung ein.

Der Bruder ist ein Genie und liest viel, erdrückt die Schwester durch sein unerreichbares Vorbild.

Wie viel Raum bleibt da noch für die Tochter? Veronica will raus, flüchtet sich in Bücher, in Freundschaften und versucht der Enge zu Hause zu entkommen. Die durch das permanente Wände-Einziehen des Vaters immer enger werdende Wohnung ist dafür nur das augenfälligste Sinnbild.

Das alles klingt nach Drama und das ist es aus kindlicher und jugendlicher Erzählperspektive auch. Aber Veronica Raimo verschafft sich die Kontrolle über ihre Erinnerungen und durch ihren nüchternen, teilweise schrägen und humorvollen Erzählstil, gelingt es ihr, ein urkomisches, absurdes Gesamtbild entstehen zu lassen, das mich in seinen Bann gezogen und schmunzeln bis laut lachen lassen hat. Ein im positiven Sinne komisches Buch.

Bernhard Sinn

Veronica Raimo, Nichts davon ist wahr, Klett-Cotta Verlag 2023, 224 Seiten

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