Ein moderner, weiblicher, österreichischer Familienroman. Fast hundert Jahre. Drei Leben, drei Generationen Frauen: Eli, Alexandra und Eva, Großmutter, Tochter, Enkelin und drei Schicksale, die sich trotz völlig unterschiedlicher Ausgangssituation und historischem Hintergrund, erstaunlich ähnlich sind.

Anna Neata schreibt über das Packerl, das diese drei Frauen wissentlich oder unbewusst mit sich herumtragen. Das Unausgesprochene, die Geheimnisse, Tabus und Glaubenssätze, die im Grunde in allen Familien eine Rolle spielen und sie zeigt auf, wie mühsam und herausfordernd es ist, sich von diesen zu befreien. Wie lange es dauert, in diesem Fall drei Generationen. Es geht um Gewalt, äußere Gewalt während des Krieges aber auch um innerfamiläre Gewalt, sei es körperlich oder psychisch. Um ungewollte Schwangerschaft und Abtreibung, um falsche Partnerwahl oder generell um problematische Beziehungen und gebrochene und manipulative Männer. Schwierige Mutter-Tochterbeziehungen und vor allem um psychische Erkrankungen, namentlich um Depression. Wie ein Schatten liegt diese über den weiblichen und eigentlich auch den männlichen Familienmitgliedern und lässt diese nicht aus ihren Fängen. Trotz Rebellion, Emanzipation, Kontaktabbruch und räumlicher Distanz, kann sich niemand so richtig aus dem Familiensystem befreien. Erst Eva, die Enkeltochter schafft es, die wiederkehrenden Muster dieser drei Frauenbiografien zu erkennen und den immerwährenden Kreislauf zu durchbrechen, indem sie sich in Therapie begibt.

Was für ein starkes Buch. In ihrem Romandebüt, schafft es Anna Neata auf 360 Seiten eine unglaublich fesselnde und funkelnde Familiengeschichte zu erzählen und uns Leser:innen am Schicksal und Leid ihrer Protagonistinnen teilhaben zu lassen, ohne dabei irgendwie in Schwarzmalerei zu verfallen. Im Gegenteil, die drei Frauen nötigen mir Respekt ab, jede auf ihre Art eine mutige Frau und eine Kämpferin, denen ich gerne durch die Seiten gefolgt bin.

Bernhard Sinn

Anna Neata, Packerl, Ullstein Verlag 2023, 368 Seiten

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