Kennt ihr das auch? Wenn man endlich einen Titel von der ewigen Liste der noch zu lesenden Bücher anfängt, der fast für immer durchgerutscht wäre, und sofort begeistert ist?

Das ist mir jüngst so geschehen mit „Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng. Zufällig kam ich an das Hörbuch und manchmal musste ich noch im Auto sitzen bleiben oder die Wäsche bis auf das letzte Taschentuch wegbügeln, weil ich unbedingt weiterhören wollte.

Eine von den richtig guten amerikanischen Familiengeschichten. Sie spielt in einer Muster-Kleinstadt nahe Cleveland. Alles ist geordnet, für alles gibt es Regeln, die Bewohner sind stolz auf ihre Vorbildlichkeit. So auch Familie Richardson. Die Mutter Lokaljournalistin, der Vater Anwalt, vier wohlgeratene Teenager. Naja, bis auf Izzy, die Jüngste. Widerborstig, widerständig, widersprechend. Die Geschwister rollen mit den Augen. Die Mutter ermahnt und schimpft und straft unermüdlich, damit auch das Sorgenkind endlich in die heile Welt passt.

Dann vermietet Mrs. Richardson eine Wohnung an Mia, die eben erst mit ihrer Tochter Pearl in die Stadt gezogen ist. Diese Frau lebt so ganz anders: ungebunden, von wenig Geld, kreativ, authentisch. Eine Fotografin. Eine Künstlerin womöglich.

Die Lebensentwürfe knallen aufeinander, bis es schließlich nicht in vielen kleinen, sondern in einem großen Feuer endet. Bis dahin werden uns viele Geschichten erzählt, wir verstehen die Beweggründe aller Beteiligter, wir sind mittendrin.

Wie wollen wir leben? Wie authentisch kann man sein? Und muss man einen Preis dafür bezahlen?

Diese Fragen verhandelt „Kleine Feuer überall“ sehr gelungen, unbedingt empfehlenswert!

Bärbel Hanauske

Celeste Ng, Kleine Feuer überall, gelesen von Britta Steffenhagen, DAV 2018, 11h 37 m

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