Ich sag´s schon mal vorweg: ein großartiges Buch. Eine komplexe Familiengeschichte und ein lang gehütetes Geheimnis. Für mich ist es eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

Ausgangspunkt ist der plötzliche Herztod des Vaters Hüseyin Yilmaz. Er war 1971 zum Arbeiten ins Ruhrgebiet gekommen. Ein paar Jahre später zog auch seine Frau Emine mit den zwei jüngeren Kindern nach. Sein Leben lang hat Hüseyin in deutschen Fabriken geschuftet, jede Extraschicht, jede Überstunde angenommen, um seine Familie zu ernähren und ein bisschen Geld anzusparen.

Jetzt, 1999, ist es endlich soweit: direkt vor seiner bevorstehenden Frührente kauft er von den Ersparnissen eine Wohnung in Istanbul. Erst mal für die Ferien und wenn der jüngste Sohn aus der Schule ist, will er mit seiner Frau Emine zurück in die Heimat gehen. Weg aus dem kalten Deutschland, in dem sie nie willkommen waren. Er ist schon vorausgefahren, hat die neuen Möbel in Empfang genommen und freut sich auf die nächsten Tage. Dann kommt seine Familie und soll sich an dem freuen, was er für sie erarbeitet hat. Doch das ist Hüseyin nicht vergönnt. Er erleidet einen Herzinfarkt und stirbt. Weil er aus religiösen Gründen so schnell wie möglich beigesetzt werden muss, kommen seine Frau und die vier Kinder, völlig schockiert, auf verschiedenen Wegen nach Istanbul zur Beerdigung. Sie werden uns nacheinander vorgestellt.

Ümit, der Jüngste. Er ist fünfzehn und absolut überfordert mit der Situation. Wie auch mit dem ganzen Leben. Er weiß, dass er schwul ist. Und dass er das niemals offen leben kann. Weder in seiner Familie, noch im Fußballverein oder mit seinen Freunden.

Perihan, Anfang 20. Sie ist zum Studium in eine andere Stadt gezogen und dabei, sich zwischen konservativer muslimischer Familie und feministischen Theorien an der Uni zu verorten. Sie lässt sich nichts sagen und kontert der Mutter: „Wenn du mir noch einmal sagst, dass ich heiraten soll, schneide ich mir eine Glatze!“ Und das wirkt, denn Peri ist alles zuzutrauen.

Hakan, Ende zwanzig. In der Augen der Eltern ein Taugenichts. Er hat die Ausbildung abgebrochen und beruflich nie so richtig Fuß gefasst. Aber Hakan ist auch ein charmanter Typ, er weiß, wie man sich durchlaviert.

Sevda, die Älteste. Sie kam erst als Jugendliche nach Deutschland und hatte hier keinen guten Start. Jetzt ist sie ist Anfang dreißig, hat selbst zwei Kinder und deren nichtsnutzigen Vater vor die Tür gesetzt. Das war sehr schwer, denn von ihren Eltern hat sie keine Unterstützung bekommen. Nach jahrelangem eisigen Schweigen kommt sie nach Istanbul und die Begegnung mit ihrer Mutter gleicht einem Pulverfass.

Emine, die Mutter. Sie ist fünfzig Jahre und eine alte Frau. Immer tut ihr etwas weh, immer klagt und jammert sie. Ihr Leben hat sie ihren Kindern geopfert. Hat in dem kalten, unfreundlichen Land ausgeharrt, damit es die Kinder einmal besser haben sollen. Deutsch hat sie in 25 Jahren nicht gelernt, ihre Muttersprache Kurdisch hat ihr Mann in seinem Haus verboten. Emine hat sorgsam ein Geheimnis gehütet, aber jetzt, in dieser neuen Situation, kommt alles auf den Tisch.

Dieser Roman ist sehr berührend. Voller Gefühl, aber weit entfernt von Kitsch oder einem rührseligen Happy-End. Die Personen sind differenziert und glaubwürdig gezeichnet. Das Buch gibt Einblicke in die Welt der Gastarbeiter:innen, die damals nur als Arbeitskräfte aber nicht als Menschen willkommen waren.

Hinweis an die Jury für den deutschen Buchpreis: bitte an „Dschinns“ vergeben!

Bärbel Hanauske

Fatma Aydemir, Dschinns, Hanser 2022, 368 Seiten

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