Aha, ein neuer Meyerhoff.  Es gibt etwas Neues zu erzählen. Der Autor hat vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitten. Er setzt ein mit dem Moment, als es begann:

„Mein linkes Bein fing sanft zu kribbeln an, auf dem Schienbein eine Ameisenstraße, dann stärker und verlor seine für mich eindeutige Position im Raum. Mit einer prickelnden Entladung wich schlagartig alle Kraft aus dem linken Arm. Obwohl ich versuchte, meine Handflächen weiter auf das Holz zu pressen, drehte sich die eine auf den Rücken. Ich betrachtete das mit Schrecken, da es tatsächlich so aussah, als würde meine linke Hand nun sterben, als hätte sie einen Schuss abbekommen und sich wie ein Soldat im Feld einer schweren Verwundung ergeben.“

und beschreibt seine Zeit im Krankenhaus, in der Stroke Unit, einer speziellen Station für Schlaganfallpatienten. Der Autor beobachtet genau, seine Mitpatienten - alle gebeutelt, aber niemand sympathisch -, den Krankenhausalltag, aber vor allem sich selbst.

Entsetzen, plötzlich in die Welt von Krankheit und Einschränkung geworfen zu sein.

Ohnmacht und Ärger, dass der eigene Körper nicht mehr dem Willen gehorcht, der linke Zeigefinger auch beim hundertsten Versuch an der Nasenspitze vorbeizittert.

Angst, dass der erste Schlaganfall nur der Vorbote des zweiten, dann verheerenden, gewesen sein könnte. Dieser würde ihn gewiss im Schlaf erwischen, da ist er sich sicher, weshalb er unbedingt wach bleiben muss. Um sich selbst dabei zu unterhalten, erinnert er sich an seine Reisen. Mit dem Bruder wandern in Norwegen (idyllisch), mit der Freundin im Senegal (sehr skurril), mit der Patchworkfamilie auf Mallorca (verpatzt).

Liebe, erfahren von seinen Kindern und seiner Frau, die unverzüglich an sein Krankenbett eilen („mein Liebster“, „liebster Papa“ - in dieser Familie geht nur der Superlativ.). Hier ist es mir doch etwas zu viel. Ich glaube gern, dass der Vater sich wahnsinnig freut, dass auch die Töchter, deren Mutter er für eine neue Liebe verlassen hat, ihm das nicht nachtragen. Ich kann verstehen, dass durch die  existentielle Bedrohung des Selbst Liebe und Verbundenheit unmittelbar spürbar , entscheidend werden. Aber Verehrung, geradezu Glorifizierung, von Kindern und Ehefrau sind für meinen Geschmack zu dick aufgetragen.

Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Der Autor kann Geschichten erzählen, lustige wie traurige, auch berührende. Und er weiß mit Sprache umzugehen. Eine klare Leseempfehlung!

Bärbel Hanauske

Joachim Meyerhoff, Hamster im hinteren Stromgebiet, Kiepenheuer & Witsch 2020, 320 Seiten

Weitere Blogbeiträge

12/06/2021

Ulrike Draesner, Kanalschwimmer

Ein Mann, Charles, Anfang 60, wagt ein sportliches Extrem: er schwimmt durch den Ärmelkanal von England nach Frankreich. Zuvor hat ihm seine Frau Maude eröffnet...
10/03/2021

Tim Krohn, Die heilige Henni der Hinterhöfe

1914. Henni Binneweis ist 12 Jahre alt, als der erste Weltkrieg beginnt. Sie und ihr Bruder Kuddl finden das wunderbar. In Kriegszeiten hat man viel mehr Freiheiten. Henni zieht mit der Bande ihres Bruders …
23/04/2021

Tarjei Vesaas, Die Vögel

Eine Entdeckung, die sich unbedingt lohnt! Die Wirklichkeit bekommt eine andere Bedeutung, sie verändert sich, das Gewicht der Dinge und Handlungen verschiebt sich...