Es geht schon mal gut los: ein toller Titel. Und er trifft es in vielerlei Hinsicht.

Ein autobiographischer Roman. Ein Familienleben zwischen Ost- und Westdeutschland. Ein Leben zwischen intellektuellem Künstlertum und prekärem Chaos. Zwischen Unfähigkeit zu Liebe oder Fürsorge von Seiten der Eltern und der einen großen allumfassenden Verbindung zwischen zwei Menschen, die die Autorin als junge Erwachsene findet. Dazwischen liegen jeweils Welten, unvereinbar getrennt und doch von einem Menschen erlebt.

Die Autorin wird 1970 in Ost-Berlin in die Künstlerfamilie Franck geboren. Die Großmutter ist Bildhauerin und Salonkommunistin. Die alleinerziehende Mutter ist Schauspielerin, die häufig ihre drei Kinder allein lassen muss, weil sie abends am Theater spielt, und nicht immer eine Betreuung findet.

Julia ist acht Jahre alt, als die Mutter mit ihren mittlerweile vier Töchtern nach vielen Ausreiseanträgen und darauf folgenden Schikanen in den Westen umsiedelt. Die Familie lebt ganz im Norden von Sozialhilfe. Die Mutter sieht sich als Selbstversorgerin und unkonventionellen Freigeist. Doch um ihre Kinder kümmern kann sie sich nicht. Sie müssen selbst sehen, wie sie zurecht kommen. Das Haus ist ein einziges Chaos, schmutzig, die Tassen angeschlagen und nicht zueinander passend und so ist auch Julia. Das Mädchen leidet. Sie ist sehr klug, aber sie kann sich nicht konzentrieren, kann kaum noch schlafen, will nur noch weg.

Als Julia 13 Jahre alt ist, nehmen West-Berliner Freunde der Mutter sie bei sich auf. Auch hier hat sie wenig Geld, arbeitet für ihren Lebensunterhalt. Nach zwei Jahren zieht sie um in eine WG. Ihre Mitbewohner sind doppelt so alt wie sie, Julia passt nicht so richtig dazu. Genauso wenig wie zu ihren Mitschüler:innen. Ihnen verheimlicht sie, dass sie Verbindungen in die DDR hat und regelmäßig die Großmutter dort besucht. Erst als Julia mit 18 Stephan kennenlernt, passt es endlich. Sie hat einen Seelenverwandten gefunden, eine große Liebe. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Man möchte immerzu den Hut ziehen vor diesem Mädchen, das so tapfer versucht, das Leben, das ihr ungefragt aufgezwungen wird, auszuhalten. Das sich immer neu in der Welt orientieren muss und dabei auch sich selbst noch finden und verorten. Ein beeindruckender Roman, der lange nachhallt.

Bärbel Hanauske

Julia Franck, Welten auseinander, S.Fischer 2021, 368 Seiten

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