Skandal!

Saraswati, eine Professorin für Postcolonial Studies, selbst People of Colour (PoC), wird enttarnt. Sie ist gar keine Inderin, sondern geboren und privilegiert aufgewachsen als weiße Zahnarzttochter in Deutschland.

Nivedita, deutsch mit indischem Vater, kann es nicht fassen. Ihre Professorin hatte ihr den Mut gegeben, zu sich selbst zu stehen. Sie hatte, befeuert von Saraswatis flammenden Worten in den Seminaren, endlich eine eigene, stolze Identität entwickelt. Vorbei, sich immer fremd zu fühlen, als PoC niemals mitgemeint zu sein. Sie schreibt als Identitti sogar einen erfolgreichen Blog. Sie war Saraswatis Star-Studentin gewesen. Und jetzt? Nichts als Lüge und Verrat.

Aber Nivedita will sich nicht enttäuscht und voller Zorn abwenden, wie alle anderen. Sie will Antworten. Kurzerhand quartiert sie sich bei Saraswati ein. Während draussen ein Shitstorm tobt, ringt Nivedita darum, Wahrheiten und Beweggründe oder sogar eine Entschuldigung aus ihrer Professorin herauszubekommen. Doch diese denkt gar nicht daran, klein beizugeben: wenn race ein theoretisches Konstrukt ist, genau wie gender, kann man auch die Seite wechseln, genau wie bei gender. Kann man ihr das absprechen? Oder verhöhnt sie mit dieser Haltung alle als PoC geborenen Menschen, die sich eben nicht aussuchen können, auf welcher Seite sie stehen, und die Rassismus und Anfeindungen aushalten müssen?

Inspiriert ist dieser Roman vom wahren Fall Rachel Dolezal, die sich als Afroamerikanerin ausgab und Lehrbeauftragte für afrikanische und afroamerikanische Studien war, bis sie vor ein paar Jahren von ihrer Familie als Weiße enttarnt wurde. Er behandelt spannende Fragen. Was macht Identität aus? Ist es möglich transrace zu sein und darf man das überhaupt?

Anfangs ist es manchmal ein bisschen theorielastig. Aber ich finde, so gibt es auch einen Einblick in den aktuellen Diskurs. Insgesamt ist es ein gut geschriebenes Buch, sehr aktuell, das viel Stoff zum Nachdenken bietet. Für mich ist es einer der wichtigen deutschen Romane des Frühjahrs.

Wem also im Lockdown die Hirnwindungen langsam etwas auszuleiern drohen, der sei absolut ermuntert, zu diesem Buch zu greifen und das Gehirn wieder auf Vordermann zu bringen.

Bärbel Hanauske

Mithu Sanyal, Identitti, Hanser Verlag 2021, 432 Seiten

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