In diesem Buch steckt eine ganze Menge. Es geht um eine Mutter-Tochter-Beziehung, um junge Klimaaktivist:innen, um selbstbestimmtes Leben.

Der Roman spielt im Sommer 2019 in Berlin. Lara, eine 15-jährige Schülerin aus eher bildungsbürgerlichen Verhältnissen ist seit einer Woche verschwunden. Abgehauen, sagt die Polizei, und dass sie schon wieder auftauchen wird. So sieht das auch der Vater. Und die Mutter Rebecca? Dreht durch vor lauter Angst und Sorge. Kann nicht mehr schlafen, kann nicht mehr essen, kann nicht geduldig sein. Dass ihr einziges Kind nicht bei ihr und dem schönen Leben bleiben wollte, kann die Mutter sich nicht vorstellen. Ihr ganzes Leben gerät ins Wanken, nach und nach lösen sich alle Gewissheiten auf.

Weil sie es nicht mehr aushält, macht sie sich schließlich selbst auf die Suche. Fängt Laras beste Freundin vor der Schule ab und erfährt, dass die beiden sich schon lange nicht mehr nahestehen. Es gibt jetzt eine neue beste Freundin, von der die Mutter noch nie gehört hat. Sie klappert die einschlägigen Kneipen ab. Dort lernt sie Falk kennen, so um die 30, ein undurchsichtiger Typ. Aber er kennt sich anscheinend in der linken Szene aus und verspricht, ihr bei der Suche nach Lara zu helfen.

Sie ziehen gemeinsam los und Rebecca bekommt Einblick in eine Szene, in der junge Menschen, durchaus auch minderjährige, unabhängig und selbstbestimmt leben und sich für Klimaschutz engagieren. Ihr wird gesagt, dass sie ihre Tochter zu einem selbstbewussten Menschen erzogen habe, dem sie Selbstbestimmung und freie Entscheidungen ermöglichen müsse, unabhängig von Alter und gesellschaftlichen Konventionen. Aber das Kind ist erst 15, es muss beschützt werden. Oder? Die Mutter kommt ins Nachdenken. Was ist das Richtige? Misstrauen und Kontrolle – auch wenn sie aus guten Absichten und vermeintlicher Fürsorge ausgeübt werden – sind es wohl eher nicht. Aber was ist es dann? Wie kann man vertrauen, wenn man vor Sorge fast verrückt wird?Rebecca überdenkt ihre Überzeugungen und allmählich verändert sich ihre Haltung.

Der Roman ist spannend: Eine Mutter jagt ihrem Kind hinterher, das nicht gefunden werden will. Der Roman ist psychologisch interessant: Alle Eltern wissen, dass sie ihre Kinder irgendwann loslassen und gehen lassen müssen. Was das konkret bedeutet und wie sich das anfühlt, insbesondere wenn das Kind noch relativ jung ist, ist hier nachvollziehbar aus der Sicht der Mutter erzählt.

Und dass die jungen Bürger:innen dieses Landes unglaublich wütend auf die älteren Generationen sind, die die Augen verschließen vor dem Ernst der Klimakatastrophe und eben nicht angemessen handeln, ist absolut angemessen. Wen interessieren da noch Schulpflicht oder gesellschaftliche Traditionen?

Bärbel Hanauske

Nicola Karlsson, Ungehorsam, Piper Verlag 2021, 224 Seiten

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