Wer jetzt denkt: komischer Titel, irgendwie sperrig, klingt kompliziert,die/den kann ich beruhigen: es ist noch viel komplizierter !

In seinem neuen Roman fächert Orkun Ertener ein breites Panoptikum aktueller Problemfelder vor uns auf: Terrorismus, Identitätsfindung am Ende der Pubertät, Syrischer Bürgerkrieg, G20 Gipfel in Hamburg, Liebeskummer, Geschlechteridentität und so weiter. Und das alles auf gut 300 Seiten. Klingt viel, funktioniert folgendermaßen:

Paul und Finn sind beste Freunde seit frühester Kindheit. Unzertrennlich, bis Khalil ins Spiel kommt und fortan zwischen den beiden steht. Paul ist fasziniert, Finn ist sehr reserviert. Inzwischen sind sie volljährig und kurz vorm Abi. Durch einen unglücklichen Unfall verliert Paul sein Kurzzeitgedächtnis. Er kann sich an Begebenheiten aus seiner Kindheit erinnern, alles was nach dem Unfall passiert ist, ist aber unweigerlich am nächsten Morgen vergessen. Mühsam muss er jeden Tag aufs Neue lernen, sich zu Recht zu finden, sich zu orientieren, sich Klarheit über das eigene Ich zu verschaffen. Das gelingt ihm mit Hilfe seiner eigenen Aufzeichnungen oder durch Erzählungen von Freunden oder Familie.

Eines Tages erhält er einen mysteriösen Brief von seinem Freund Khalil, in dem dieser zwischen den Zeilen einen Anschlag ankündigt. Paul bittet seinen alten Freund Finn, ihm zu helfen, Khalil zu suchen, dieser ist nämlich seit einiger Zeit verschwunden. Finn hat sich seit dem Unfall, für den er sich verantwortlich fühlt, völlig zurückgezogen und lebt mehr oder weniger apathisch in seinem alten Kinderzimmer vor sich hin. Seine Familie, seine zu verständnisvollen Eltern, erträgt er kaum. Jetzt aber lässt er sich notgedrungen darauf ein, Paul bei der Suche zu helfen und das Abenteuer, in dessen Verlauf die beiden nach Berlin, London und Hamburg fahren und an dessen Ende nichts mehr so ist wie es war oder schien, kann beginnen.

Orkun Ertener nimmt seine Leser:innen mit auf diese Tour de Force durch Europa und durch diverse literarische Genres. Was als Kriminalroman beginnt, entwickelt sich immer mehr zu einer klassischen coming-of-age Geschichte, um dann schließlich in einem komplexen Psychodrama zu kulminieren. Dabei behält er immer engen Kontakt zu seinen Figuren, die er mit Einfühlungsvermögen und mit viel Liebe zum Detail zeichnet. Zwischenmenschliche Konflikte und familiäre Problemfelder finden sich vortrefflich ausgeleuchtet, mit viel Respekt für beide Seiten.

Klingt spannend ? Ist es auch...

Bernhard Sinn

Orkun Ertener, Was bisher geschah und was niemals geschehen durfte, Scherz Verlag 2021, 336 Seiten

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