Hier haben wir einen Roman, der sich mit einem Ausschnitt der Welt beschäftigt, vor dem wir normalerweise die Augen verschließen: der dunklen Seite unserer modernen Internetgesellschaft.

Es geht um Junya, Mitte Dreißig, in einer japanischen Großstadt. Er ist ein sogenannter Hikikomori. Dieses Phänomen gibt es in Japan wirklich. Es sind Männer, zumeist zwischen 30 und 40 Jahre alt, die abgekapselt in einem Zimmer leben und den Kontakt mit der Außenwelt vermeiden, sogar das Essen muss vor die Tür gestellt werden. Ihr „Leben“ spielt sich im Internet ab. Sie haben kein Interesse mehr am IRL, dem echten Leben um sie herum, und verweigern sich dem konsequent. Auch Junya hat sich seit Jahren in seinem Zimmer verbarrikadiert. Seine einzigen Kontakte spielen sich im Internet, bzw. Darknet ab. Er ist voller Wut auf die Welt. Ab und zu schleicht er sich nachts raus, um ihr nachzugeben. Eines Tages aber ist er gezwungen, sein Zimmer zu verlassen und sich der realen Welt auszusetzen.

Dann gibt es Fanni, so um die dreißig, in einer deutschen Großstadt. Sie ist mit dem Internet und seinen Auswüchsen aufgewachsen. Auch Fanny meidet Menschenkontakt, wenn es irgend geht, und hat ihre eigenen moralischen Prinzipien. Immerhin hat sie eine eigene Wohnung und einen Job. Fanni arbeitet in einer Firma, die Überwachungstechnik für Privathäuser verkauft. Die Menschen fühlen sich sicherer, wenn sie ihr Haus voller Kameras haben und ihr ganzes Leben aufgezeichnet wird. Nicht, dass es etwas helfen würde, wie man hier noch sehen wird. Fanni loggt sich heimlich in die Live-Aufzeichnung einer Familie mit einer kleinen Tochter ein und beobachtet die kleine heile Welt. Sie hat ihre eigenen Essenszeiten mit denen der Familie synchronisiert. Näher kommt sie an das Erleben von „Familie“ nicht heran.

Man fragt sich, was sind das für Menschen, die ihre Lebenszeit lieber im Internet verbringen und am realen Leben kein Interesse mehr haben? Was machen die Möglichkeiten des Internets mit Menschen, die Gewalt, die anonymen Chatgruppen? Philipp Winkler schreibt den Roman so intensiv, dass man eine Vorstellung davon bekommt. Er kann gut Atmosphäre schaffen und auch Beklemmendes schildern. Insgesamt ist es ein sprachlich exzellentes Buch. Es ist spannend, es ist interessant, es passiert auch richtig etwas. Es ist auch ein hartes Buch, natürlich ist es das. Aber es gibt in unserer modernen Gesellschaft diese Phänomene und man sollte das nicht immer ausblenden. Es ist eine herausfordernde, lohnende Lektüre, die viel Stoff zum Nachdenken bietet.

Philipp Winkler liest aus "Creep" am 05.05.22 um 19.30 Uhr bei Buch zum Wein.

Bärbel Hanauske

Philipp Winkler, Creep, Aufbau 2022, 342 Seiten

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