Was heisst schon normal ? Wer will das überhaupt sein ? Und wieso darüber ein Buch schreiben ?

Zum Glück sind die Protagonisten in Rooneys Buch alles andere als normal, ansonsten wäre die Lektüre weit weniger anregend.

Die Story begleitet Marianne und Connell über einen Zeitraum von ungefähr zwei Jahren auf ihrem Weg vom Schulabschluss in der irischen Provinz bis zum Erwachsenwerden in Dublin. Dieser Weg ist gepflastert von Missverständnissen, Verletzungen und Beziehungsproblemen. Die beiden kennen sich ewig, kommen jedoch aus völlig unerschiedlichen sozialen Kontexten. Connells Mutter arbeitet als Hausangestellte für Mariannes Familie, Marianne ist die hyperintellektuelle Außenseiterin, Connell der beliebte, sportliche Tausendsassa. Das einzige was beide vereint, ist ihre überdurchschnittliche Intelligenz. In den letzten Schulmonaten sind die beiden sich näher gekommen. Doch obwohl zwischen beiden sofort eine ungewöhnlich enge und vertraute Verbindung besteht, vermögen sie es nicht, sich wirklich offen zu einander zu bekennen. Die Beziehung wird beendet, bzw. sie läuft einfach aus, beendet sich von selbst. Dieses Muster zieht sich nun durch das ganze Buch. Immer wieder laufen sie sich in Dublin über den Weg, nehmen nach erlittenen Verletzungen Kontakt auf, kommen wieder zusammen – und trennen sich. Meistens eher beiläufig, durch Zufall, durch Nachlässigkeit. Es gelingt beiden nicht, über den eigenen Schatten zu springen und wirklich Anteil am Schicksal des anderen zu nehmen. Und diese Schicksale sind durchaus bedeutend, bilden das ganze menschliche Spektrum ab, von häuslicher Gewalt bis Depression. Alles andere als normal, werden sie von den Protagonist:innen genau so gehandhabt. Als Nebensächlichkeit, als Teil des alltäglichen persönlichen Dramas, nicht der Rede wert. Dieses Unvermögen, Verantwortung für sich selbst und sein Gegenüber zu übernehmen und sich wirklich einzulassen, indem man beispielsweise nachfragt oder Erklärungen einfordert, teilen beide miteinander. Bei aller offensichtlichen Intelligenz geht ihnen deren emotionale Variante völlig ab.

Dieses Dilemma wird von Sally Rooney großartig in Worte gegossen. Sehr nüchtern, fast lakonisch, beschreibt sie diese menschlichen Dramen, ohne sich darüber zu erheben. Ohne den allfällligen moralischen Zeigefinger, nimmt sie ihre Charaktere in all ihrer Komplexität und Ambivalenz ernst und lässt uns Anteil haben. Und nehmen, wenn wir wollen.

Bernhard Sinn

Sally Rooney, Normale Menschen, Luchterhand, 2020, 320 Seiten

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